Projekt 2015

Foto: Brot für die Welt/Florian Kopp

  

-          Noelia Obeso (vorn im Bild), ist Ernährungsberaterin des Brot für die Welt-Partners Diaconia. Sie berichtet in einer Schulung über gesunde und ausgewogene Ernährung. Teilnehmer sind Frauen und Männer aus der Anden-Stadt Chuquis, Provinz Huanuco, Peru.

-           

-   

 

 

       

   Peru: DieWiederentdeckung   des Wunderkorns

Peru/Huanuco: Eine einsame Gegend. Wie lebt man auf 3.300 Metern Höhe nur von dem, was die steinige Erde hergibt? Die Inkas wussten darauf eine Antwort, denn die außergewöhnliche Geografie Perus zwang sie dazu: Sie bauten auf den steilen Abhängen Terrassen und Bewässerungskanäle, züchteten Lamas und Meerschweinchen und verfeinerten durch gezielte Auswahl des Saatguts das Andengras zu Quinoa.

Die spanische Eroberung war ein traumatischer Einschnitt. Die Eroberer bereicherten sich an den Schätzen der Inkas, verboten den Anbau einheimischer Pflanzen und zwangen die unterworfenen Bauernfamilien dazu, Kühe zu halten und Weizen anzubauen. Das empfindliche Ökosystem der Anden hielt dem nicht stand, die Böden erodierten und die Andenbauern versanken in Armut.

Viele ältere Menschen auf dem Land können sich erinnern, in ihrer Kindheit Quinoa gegessen zu haben. Lange Zeit wurde die „Andenhirse“ jedoch nicht mehr angebaut, weil es für Quinoa keinen Markt gab und die nicht veredelten Wildsorten, die die spanische Conquista überlebt hatten, kaum Ertrag  brachten. Als die Mitarbeitenden der Organisation Diaconia in der Region die ersten Landwirtschaftskurse anboten, war dies für viele Kleinbauernfamilien die letzte Hoffnung, um der Armut zu entkommen. Sie lernten in den Kursen unter anderem, wie man Quinoa anbaut: Die Pflanze wird nach der Ernte getrocknet und von Hand ausgeklopft. Anschließend muss die Spreu per Hand vom Korn getrennt werden. Der Nährwert wiegt die Mühe auf“, sagt Noelia Obeso. Doch es dauerte, bis sich die misstrauischen Bauern davon überzeugen ließen. Es war ein langer Prozess der kleinen Fortschritte und des wachsenden Vertrauens. Heute sind die Andenbauern davon überzeugt: Die Quinoa ist das wertvollste Lebensmittel der Region.

Quinoa liegt weltweit im Trend. Starköche, Kochsendungen, Internetportale sind voll von Rezepten mit den Samen des südamerikanischen Gemüses. Quinoa trägt zu einer ausgewogenen Ernährung durch seinen hohen Eiweiß- und Eisengehalt, es enthält kein Gluten, aber alle lebenswichtigen Aminosäuren. Hinzu kommt, dass die Pflanze ausgesprochen anspruchslos ist, wenig Wasser und Nährstoffe benötigt und auch in unwirtlichen Gegenden wie den Höhenlagen der Anden gedeiht. Damit gehört Quinoa zu den Nahrungsmitteln, die dem weltweiten Klimawandel trotzen können. Die Wertschätzung „ihrer“ traditionellen Kulturpflanze bedeutet für die Menschen in Peru auch eine Stärkung ihrer kulturellen Identität.

 

Projektträger:

Diaconia ist das Sozialwerk der Ev.-luth. Kirche in Peru. Die Organisation trägt zur Bekämpfung von Armut und zu einer nachhaltigen Entwicklung bei, insbesondere in ländlichen Regionen. Das von Brot für die Welt unterstützte Projekt richtet sich an 700 Kleinbauernfamilien im Departement Huanuco. In Dörfern werden Schulungen durchgeführt, in denen unter anderem der Anbau von Quinoa gelehrt wird. Die Verankerung von Wissen und die Förderung der Selbstorganisation der Bauern gewinnt ihre Bedeutung auch angesichts der noch unklaren Folgen des weltweiten Quinoa-Booms. Was zunächst die Gewinnmöglichkeiten der Bauern erhöht, kann andererseits zum agrarindustriellen Anbau der Pflanze durch finanzstarke Kapitalgeber in Peru und anderen Ländern führen. Die Kleinbauern in Peru müssen in die Lage versetzt werden, auch angesichts solcher Entwicklungen einen eigenen Weg gehen zu können.

Kostenbeispiele:

-          Schulung für 25 Personen zum Anbau von traditionellen Nahrungspflanzen: 40 Euro

-          16 kg Quinoa-Samen (reichen für 4 Hektar Land): 128 Euro

 

Chancen und Gefährdungen des Quinoa-Anbaus

 
Im Mittelpunkt des in diesem Jahr vorgestellten Projekts von Brot für die Welt steht die Förderung des Anbaus der in den Anden heimischen Quinoa-Pflanze. Für den verstärkten Anbau sprechen starke Argumente
 
Da Quinoa zurzeit vor allem in den Hochlagen von Peru, Bolivien und Ecuador angebaut wird, kommt ein steigender Verbrauch den Kleinbauern dort zugute und sichert ihr Einkommen.
 
Quinoa ist gesund, sein Eiweiß-und Eisengehalt ist sehr hoch, sie enthält kein Gluten. Quinoa enthält alle lebenswichtigen Aminosäuren.
 
Quinoa ist eine anspruchslose Pflanze, die auch auf kargen Böden, z.B. in großer Höhe wächst und sich darum besonders für die Bauern in den Anden eignet. Quinoa ist eine Pflanze, die traditionell in den Anden beheimatet ist. Die spanischen Eroberer verboten den Anbau, die Wiederentdeckung „ihrer“ Pflanze auch die kulturelle Identität der Menschen dort.
 
Quinoa ist ein Beispiel für den Schatz, der in der Artenvielfalt liegt. Die robuste Pflanze kann Ernährungslücken schließen, die überzüchtete Kulturpflanzen hinterlassen. Ihre über 3.000 Arten sind anpassungsfähig und haben eine schnelle Vegetationszeit.
 
Wegen ihres geringen Wasser- und Nährstoffbedarfs bietet sich die Quinoa-Pflanze angesichts des Klimawandels als wichtige Alternative zur Ernährungssicherung weltweit an. (Vereinte Nationen erklärten 2013 zum „Internationalen Jahr der Quinoa“).
 
Allerdings birgt gerade die steigende Nachfrage nach Quinoa auch Gefahren
 
Quinoa liegt im Trend, der Bedarf weltweit gerade in den reichen Ländern wächst. Damit lohnt sich der Anbau außerhalb Südamerikas und mit agrarindustriellen Methoden. Die Folge ist, dass der Markt in Peru zusammenbrechen kann.
 
Der weltweite Bedarf an Quinoa steigt stark an. Das führt zu steigenden Preisen, die aber gerade die Armen vor Ort in Peru nicht zahlen können. Sie müssen auf weniger gesunde Lebensmittel ausweichen und die Mangelernährung steigt.
 
Auf dem Weltmarkt ist Quinoa begehrt. Mehr Produktion verspricht mehr Gewinn. Das können aber die traditionellen Anbaumethoden kleiner Bauern nicht leisten. Bereits jetzt steigen Bauern bereits auf eine kommerzielle Massenproduktion um. Zum einen führt das zu erheblichem Kapitalbedarf, zum anderen werden die Böden ausgelaugt, weil die Fruchtfolge im Wechsel mit Kartoffeln und anderen Gemüsesorten nicht mehr eingehalten wird.
 
Die kleinbäuerlichen Familien in den Anden sollen durch die einzelnen Projektbausteine des Brot für die Welt Partners Diaconia in ihrer Arbeit angeleitet und unterstützt werden und gestärkt in eine vom Klimawandel und konventionellen, global agierenden Produzenten bestimmte Zukunft gehen.
 
 

 Brot für die Welt
Vor ein paar Jahren noch dachte Don Flavio Garra ans Aufgeben. "Die Böden gaben immer weniger her, und ich musste teuer Dünger und Pestizide kaufen", erinnert sich der 78-Jährige. Wenn der Kleinbauer die Ernte auf den Markt brachte, gab es dafür nur wenig Geld, denn das Angebot überstieg die Nachfrage, und mit den Importen konnte er ohnehin nicht konkurrieren. Don Flavio war verzweifelt. Als die Mitarbeitenden der von Brot für die Welt unterstützten Hilfsorganisation Diaconía vor fünf Jahren in Quivilla die ersten Landwirtschaftskurse anboten, sah er das als letzte Chance an und ging die eineinhalb Stunden zum Schulungsort zu Fuß. "Er war einer der fleißigsten und zuverlässigsten Teilnehmer", erinnert sich Projektleiter Máximo Contreras.

Hohen Nährwert in der Andenhirse Quinoa
Bei Diaconia erfuhr Don Flavio unter anderem von den Vorzügen der Quinoa, der Andenhirse, die schon die Inka angebaut hatten. In seiner Kindheit hatte er die proteinhaltige, mineralienreiche Pflanze noch gegessen. Doch seine Eltern hörten irgendwann auf, sie anzubauen. Es gab für Quinoa keinen Markt, denn das Getreide muss nach der Ernte erst getrocknet und von Hand ausgeklopft werden. Anschließend wird, Schüsselchen für Schüsselchen, die Spreu vom Korn getrennt. Und dann hat das fertige Korn zahlreiche Bitterstoffe, weshalb es vor dem Verzehr mehrmals gewaschen werden muss. "Aber der Nährwert wiegt die Mühe auf", sagt Contreras. Und noch ein Argument half dabei, Kleinbauern wie Don Flavio zu überzeugen: Seitdem peruanische Starköche wie Gastón Acurio und Rafael Osterling das traditionelle Andengewächs wieder salonfähig gemacht haben, ist die Quinoa plötzlich "in" – und der Preis explodiert. Heute sagt Don Flavio Garra überzeugt: "Die Quinoa ist unser wertvollstes Lebensmittel."