Barock-Orgel

Die Bielfeldt-Orgel

Zur Geschichte der Erasmus-Bielfeldt-Orgel

Die von Erasmus Bielfeldt ab 1731 erbaute Orgel in der Scharmbecker St. Willehadi-Kirche ist das vollständigste und klanglich am besten erhaltene Werk aus der Schnitger-Schule. Sie gehört damit zu den wichtigsten historischen Orgeln Deutschlands aus der Zeit von Johann Sebastian Bach.

Die ersten Nachrichten über einen Orgelbau stammen aus dem Jahr 1678, als der Jurat Curt Otten und der Organist mit einem Pferdefuhrwerk nach Stade fuhren und eine von Arp Schnitger erbaute kleine Orgel nach Scharmbeck brachten. Dieses Instrument gehörte zu den frühesten Werken von Arp Schnitger (1648-1719), der später der bedeutendste Orgelbauer der Barockzeit wurde. Allein in Bremen baute er um 1700 fünf große Orgeln mit drei Manualen und Pedal.
1731 wurde ein Kontrakt mit Erasmus Bielfeldt aus Stade zum Bau einer zweimanualigen stattlichen Orgel in der St. Willehadi-Kirche geschlos-sen. Bielfeldt führte in der Nachfolge Schnitgers die Orgelwerkstatt in Stade weiter und baute gleichzeitig ein großes Orgelinstrument in der Stader Willehadi-Kirche. Er hatte zuvor bei dem in Lüneburg ansässigen Meister Matthias Dropa gearbeitet, der eng mit Arp Schnitger kooperierte. Der Orgelbaustil Bielfeldts besteht aus einer Mischung der Bauweisen von Dropa und Schnitger. Er zeigt aber auch eigene Stilmerkmale, wie den hohen Anteil von Blei im Pfeifenwerk und einen weichen singenden Klang. Der Gesamtklang (das „Plenum“) ist milder und gleichzeitig farbiger als bei Schnitger (Terzmixtur). Bemerkenswert sind die originalen Zungenstimmen Trompete und Dulcian in den Manualwerken sowie Posaun und Trompete im Pedal mit ihrem bläserischen Charakter. Der Orgelbau von Erasmus Bielfeldt war 1734 im Wesentlichen abgeschlossen; eine Übernahme von Teilen der Schnitger-Orgel fand nicht statt. Das Instrument stand in der alten Scharmbecker Kirche, wobei das Pedal hinter dem Manualwerk aufgestellt war. Beim Kirchenneubau 1745/46 stellte Bielfeldt die Orgel auf der heute noch vorhandenen Orgelempore unmittelbar unter der Kirchendecke auf, wodurch eine gute Klangabstrahlung in den Raum entstand. Einige Register wurden verändert und das Pedal fand in neuen seitlichen Pedaltürmen Platz, (mit eigenem Principal 16' im Prospekt).
1767 erweiterte Dietrich Christoph Gloger, ein in Stade wirkender Schüler Bielfeldts, das Hauptwerk um eine Vox humana. Für dieses damals modische Register wurden die Windlade und das Gehäuse des Hauptwerkes erweitert.1870 erneuerte der Stader Orgelbauer Johann Hinrich Röver die Windladen des Pedals nach einem Wasserschaden und ersetzte die Vox humana durch eine Gedackt 8'. Vorher waren bereits zwei Register (Quinte 3' gegen Gambe 8' und die Pedalmixtur gegen Violon-Bass 16') ausgetauscht worden, um die Orgel dem damals herrschenden Klangideal anzupassen. Schließlich mußten 1917 die aus reinem Zinn hergestellten Prospektpfeifen im mittleren Manualgehäuse (Principal 8' aus dem Hauptwerk) zu Kriegszwecken abgeliefert werden. Sie wurden 1935 bei einer gründlichen Reparatur der Orgel durch die Orgelfirma Wetzel aus Hannover provisorisch aus Zink ersetzt. Der Grundcharakter der Orgel, vor allem die außergewöhnlich gut erhaltene Intonation des sehr vollständig überlieferten Pfeifenwerks, wurde bei den Arbeiten von Wetzel nicht angetastet.
Dadurch war die Voraussetzung für eine vorsichtige Restaurierung in den Jahren 1970 bis 1972 nach den Plänen der Orgelsachverständigen Harald Vogel und Franz Lengemann gegeben, bei der keine Originalteile verändert wurden. Die Orgelbauer Harry und Guntram Hillebrand (Hannover) rekonstruierten dabei die Pedalwindladen, die Pedalklaviatur und die fehlenden Pfeifen.
Die 1972 abgeschlossene Restaurierung war ein Wendepunkt in der Restaurierungspraxis Niedersachsens, da hier zum ersten Mal eine konsequente Restaurierung und Rekonstruktion der technischen Anlage und des Pfeifenwerks im Sinne des Erbauers durchgeführt wurden. Wichtig war auch die erstmalige Anwendung einer ungleichschwebenden Temperatur bei einer Orgel der Schnitger-Schule.
1974 wurde die moderne Balganlage, die 1931 eingebaut wurde, durch drei Keilbälge ersetzt, wobei altes Material verwendet werden konnte.
2004 erfolgten nach der abgeschlossenen Kirchenrenovierung der Wiedereinbau des Pfeifenwerks und die Rekonstruktion der 1971 abgelieferten Zinnpfeifen im Prospekt des Hauptwerkes durch Martin Hillebrand. Dabei wurde auch die Balganlage überarbeitet und der Tremulant in die Orgel versetzt. Seitdem ist die Bielfeldt-Orgel wieder als eines der wichtigsten Klangdokumente aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu hören.

Disposition

Die Disposition:
 
1731-34       o   Erasmus Bielfeldt          o = original (1. Phase)
1745            oo Erasmus Bielfeldt         oo =original (2. Phase)
1870            +  Johann Hinrich Röver    + = Hinzufügung
1970-72/74   r   Harry Hillebrand            r = Rekonstruktion (1. Phase)
2004            rr  Martin Hillebrand          rr = Rekonstruktion (2. Phase)

Hauptwerk   (Windlade o – mit 1767             Brustpositiv (Windlade o)
                      hinzugefügter Schleife)
Principal       8'     rr   (c'-c''' auf der Lade o)   Gedackt        8'     o
Quintadena   16'    o   (C-H oo)                       Floite duis     4'     o
Gemshorn     8'     oo (C-E o)                          Quinta          3'     o
Octave          4'     o                                         Wald Floit     2'     o
Quinta           3'     r                                         Scharff         3f.    o
Mixtur      3-4f.     o   (mit Terzchor)                 Dulcian         8'     o
Trompete      8'     o
Gedackt        8'     +                                        Tremulant             r
 
Pedal         (Windlade r)                      
Principal     16'   oo                       Manual-Klaviaturen (CD – c''')    o
Untersatz    16'    o                        Pedal-Klaviatur        (CD – d')     r
Octave         8'    o                        Mnual-Schiebekoppel                o
Octave         4'    o                        Cymbelstern – doppelt:
Octave         2'    o                         1. Krallenglöckchen (1731)       o
Mixtur         4f.    r                           2. Harmonieglocken (Ende 18. Jh.)   +
Posaun        16'   o                         Winddruck: 73 mm/WS                              
Trompete      8'   o                          Balganlage mit 3 Keilbälgen       r/rr
Cornet          2'    r                          Stimmung: ca. ¾ Ton über Normal
                                                       Bach-Kellner Stimmung (2004)