75 Jahre nach Kriegsende

Nachricht 07. Mai 2020

„Der Krieg wurde am 8. Mai beendet - aber er hörte nicht auf“

Soldatenfriedhof Rossoschka
Soldatenfriedhof Rossoschka Foto: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

von Dr. Gert Schwieger

9.April 1945. In Flossenbürg und anderen Orts werden die letzten prominenten Gegner der Nationalsozialisten bestialisch ermordet, darunter Dietrich Bonhoeffer.- „Diese Leute dürfen uns nicht überleben!“ Und auch im Kleinen wütet überall noch der Terror gegen Menschen, die endlich keinen Krieg mehr wollen. Sie wissen es alle: Der Krieg ist verloren. Doch die Reaktionen sind unterschiedlich: „Endlich Frieden.“, „Kampf bis zum Letzten.“ ,„Wir kapitulieren nicht!“

So hatte die Propaganda es ihnen eingehämmert. Manche folgten dem immer noch: „Wenn schon nicht Endsieg, dann wenigstens ´heldenhafter Untergang`“. Wer sich dem entgegenstellte, musste als „Defätist“ sterben. Widersinn und Verblendung bis zuletzt.

Ein Monat später: Die Kapitulation. Das Ende des Krieges in Europa. Die totale Niederlage des Deutschen Reiches. Nicht Wenige, die gerade noch zum Durchhalten aufforderten, hatten sich in den Selbstmord geflüchtet. Andere würden ihnen anschließend noch folgen. Sie weigerten sich, ihre Verantwortung anzunehmen: „Nach uns die Sintflut! Deutschland hat es nicht verdient, weiter zu leben!“

Kriegsende. Niederlage, Befreiung, „Stunde Null“. Neuanfang in und aus den Ruinen? Das, was nun kam, ist von Legenden umwoben. Von individuellen und offiziellen Erzählungen, Erklärungen, Wahrnehmungen. Das, was man heute die „Narrative“ der Überlebenden nennt.

Ging der Krieg wirklich am 8.Mai zu Ende? Im Fernen Osten nicht. Er endete erst mit dem Abwurf der ersten Atombomben. Jener Waffen, deren Einsatz ursprünglich über deutschen Städten erfolgen sollte. Deutschland kapitulierte „zu früh“, um diesen Schrecken zu erleben.

Aber der Schrecken blieb oder kam auch ohne dies. “Flucht und Vertreibung forderten neue Opfer, Recht und Ordnung waren fern. Nicht selten bis an die Grenze zur Anarchie. Die Versorgung mit grundlegenden Gütern menschlicher Existenz brach zusammen.“ Hunger und Not, Verlust und Suche nach Angehörigen. All das blieb. Und die bange Frage: Was soll nun werden. Was geschieht mit uns?

Gar nicht zu reden von den ungelösten, durch Krieg und Kriegsende heraufbeschworenen Konflikten. In Ostasien, im Vorderen Orient, in Europa, in der ganzen Welt. Ihre Geschichte begleitet uns bis in die Gegenwart. Und wie wir Deutschen in der Welt wahrgenommen werden – das hat oft immer noch mit dem Kriegsende zu tun.  „Der Krieg ist beendet, doch der Krieg hört nie auf.“

Deutschland, große Teile Europas waren damals verwüstet. Verwüstet die Bauten, die Infrastruktur, zerstört ganze Familien, vernichtet ganze Bevölkerungsgruppen. Mehr noch: Die Verwüstung reichte bis weit hinein in die Seelen der Menschen. Historiker sprechen daher auch von einem geistig, mental, gefühlsmäßig zerstörten Kontinent.

Der 8.Mai ist, wie ein ehemaliger Bundespräsident es einst formulierte, Tag der Befreiung. Aber auch der Beginn fortdauernder Belastung. Die Geschichte Europas und die Geschichte der Deutschen blieb davon geprägt. Geschichte schüttelt man nicht so einfach ab. Unbestritten bleibt die Aufbauleistung. In West u n d Ost! Wer hätte 1945 und in den Jahren danach angesichts der Schuttberge und Verwüstungen daran geglaubt. Der Generation des Wiederaufbaus gebührt dafür Respekt und Anerkennung.

Unsere Städte wurden aufgeräumt. Erstanden neu. Wirtschaft und Lebensstandard wuchsen. Das ist das eine. Zugeschüttet, wenn nicht gar abgeschüttelt wurden aber große Teile unserer Geschichte, die Frage nach den Verantwortlichkeiten: „Einmal muss doch Schluss damit sein!“ Nicht umsonst wurden NS-Belastete schon sehr früh wieder in ihre „Rechte“ eingesetzt, während es bis in die Neunziger Jahre dauerte, bis die Unrechtsurteile gegen Bonhoeffer und andere aufgehoben wurden. Diese Verdrängung holt uns immer wieder ein: In den Jahren der „Achtundsechziger“, die endlich den Schutt des vergessen Wollens forträumen wollten. Und sich dafür heute hämisch als „Alt-Achtundsechziger“ bekritteln lassen müssen. Und am Ende auch im Ereignis der Wiedervereinigung und dem, was auf sie folgte.

Der Krieg wurde am 8.Mai 1945 beendet. Aber er hörte damit nicht auf: Das Verdrängte, das unter Aufräumschutt Begrabene kommt immer wieder zu Tage. Wir werden immer wieder davon eingeholt. Der Umgang mit unserer Geschichte, den politische „Populisten“ heute pflegen, ist ein Indiz dafür. Aber auch die Vorbehalte, denen Deutschland in Europa immer wieder begegnet. Wir sollten sie nicht unterschätzen! Unbeschadet dessen: Europa ist trotz allem das Beste, was uns passieren konnte. Es bescherte wenigstens     u n s  75 Jahre Frieden.