Ein Wort zum Sonntag

von Pastor Enno Kückens

Wort zum Sonntag, 19. Sonntag nach Trinitatis, 18.10.2020

„Heile du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jer 17,14)

Der Wochenspruch gibt das Thema für den heutigen Sonntag an: „Heilwerden“!

Wenn wir darüber jetzt miteinander ins Gespräch kämen, was wir uns unter dem Heilwerden vorstellen, dann würden wir wohl nicht nur das Gute, Schöne, vielleicht Paradiesische beschreiben.

Ganz sicher würden wir, als Kontrast zum Heil, ausführlich auch das Unheil benennen. Also das, was es nicht mehr geben dürfte, was verschwinden müsste, was wir in Zukunft nicht mehr tun sollten!

Der Predigttext für den heutigen Sonntag identifiziert das Heil mit dem „neuen Menschen“: Wer Christin, Christ ist, wer getauft wurde, ist ein neuer Mensch. Und dem neuen Menschen wird der „alte“ gegenübergestellt. Da hören wir dann auch von etlichen Dingen, die wir als Unheil erleben.

Der Verfasser des Epheserbriefes im Neuen Testament schreibt:

„Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.

23Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26

Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27und gebt nicht Raum dem Teufel. 28Wer gestohlen hat, der

stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann.

29Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet,

was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 30Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.

32Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“                            (Eph 4,22-32)

Die Reaktionen auf einen solchen Text fallen wohl unterschiedlich aus. Ich kann mir vorstellen, dass jemand sagt: ‚Endlich mal eine klare Ansage, deutliche Worte. Da wird gesagt, was geht und was nicht, was wir tun sollen und was wir zu unterlassen haben! Nicht so ein Hin und Her und Drumherum, wie wir es gerade bei den Corona-Regelungen erleben.‘

Jemand anderes aber sagt vielleicht: ‚Also nein, das ist mir viel zu moralisierend! All die Vorschriften und Anordnungen – wo bleibt denn da die Freiheit!

Mir sind zu diesem Text, l.G., drei Dinge eingefallen:

-   Das erste: Der Predigttext ist eine Entlastung!

Der Text entlastet uns als christliche Gemeinde, denn er sagt ja, womit es die Gemeinden schon ganz zu Anfang der christlichen Bewegung zu tun hatten: Der „alte Mensch“ mit seinen unheilvollen Verhaltensweisen war auch nach der Taufe nicht einfach verschwunden, sondern noch sehr präsent. D.h. im Neuen Testament begegnet uns hier und andernorts keine Idealgemeinde, an der uns die eigenen Unzulänglichkeiten deutlich würden – im Gegenteil!

- Mein zweiter Gedanke: Der Anfang des Textes beschreibt ein Bild. ‚Legt den alten Menschen ab‘, wie ein Kleidungsstück, ‚und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist.‘ Dieses Bild klingt zwar wie ein Gebot, ich verstehe es aber eher wie eine Erinnerung. Es erinnert an unsere Taufe und den Segen Gottes, der uns zugesprochen wurde.

Das Bild vom alten und neuen Menschen gehörte von Anfang an zur Taufe. Das Ablegen des alten und Anziehen des neuen verstehe ich als einen Prozess: Wir setzen fort, was Gott in uns begonnen hat. Wir haben uns ja dazu entschieden, zumindest später als Jugendliche, als Erwachsene. Wir bauen weiter auf dem Grundstein, der durch die Taufe gelegt ist. Dazu helfen uns die Gebote, dazu hilft die Erinnerung.

Und wir gehen unserer Sehnsucht nach, der Sehnsucht nach Gottes Nähe, nach seiner Freundschaft.

Ja, es wäre gut, wenn wir all das beherrschten, was der Katalog in unserem Predigttext aufzählt, so als wäre es ein 1x1 des Christseins – entscheidend aber ist, dass es nicht um ein „Du musst!“ geht, sondern um ein „Du kannst!“ Du kannst, weil Gott dir die Kraft gibt und mitgeht.

Wir können erkennbar als Christin, als Christ leben. Sicher nicht perfekt, denn wir bleiben ja Menschen; aber doch so, dass wir werben für den christlichen Glauben und die Menschlichkeit stärken in unserer Welt!

So verstehe ich den Text des Epheserbriefes.

Das dritte, das mir eingefallen ist, bezieht sich auf den letzten Vers des Predigttextes:

„Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.“

Dieser letzte Vers erscheint mir wie eine Art Höhepunkt des Textes, als würde uns etwas sehr Wichtiges ans Herz gelegt. Etwas, das uns in besonderer Weise als Christen auszeichnen würde: das Vergeben!

Gott traut uns zu, großzügig zu sein, so wie er großzügig ist, oder: dass wir gütig sind und nicht aufrechnen, wenn es um die Schuld oder das Versagen anderer geht.

Ich will dazu eine Geschichte nacherzählen, die die Autorin Renate Schupp aufgeschrieben hat – sie handelt von Jan und seinem Großvater:

„Jans Großvater war der Beste. Er wohnte gleich um die Ecke in seinem kleinen Häuschen mit zwei Katzen, acht Hühnern und vier Kaninchen.“ Er hatte allerlei Beschäftigungen, aber wenn Jan kam, dann nahm er sich Zeit. Dann wurde gespielt oder gebaut oder erzählt.

Ab und zu half Jan dem Großvater, machte Besorgungen oder fütterte die Tiere. Manchmal kam auch Stefanie zu Besuch, Jans Cousine. Sie hatte dem Großvater ihr Kaninchen in Pflege gegeben. Das war ein Glück für das Kaninchen, sonst wäre es womöglich verhungert.

Stefanie war anders als Jan. Aus Arbeit oder Hilfe für ihren Großvater machte sie sich nichts. Es sei denn, man konnte dabei etwas verdienen. Aber Großvater freute sich, wenn sie kam, ihm zur Begrüßung einen Kuss auf die Wange drückte und durch’s Haus wirbelte.

Einmal hatte Stefanie in einer Schublade die Bernsteinkette der Großmutter gefunden, ein altes Erbstück. Sie bettelte darum, die Kette ausleihen zu dürfen, nur für eine Party, danach wollte sie sie wiederbringen.

Der Großvater wollte erst nicht, schließlich gab er nach. Jan konnte das nicht verstehen.

Stefanie brachte die Kette nicht zurück. Der Großvater machte sich Sorgen, sie sei bestimmt krank – aber Jan hatte erfahren, dass die Kette verloren gegangen war. Als Jan dem Großvater erzählte, was geschehen war, sagte der nichts. Er schwieg und ging in den Garten und erwähnte die Sache nie wieder.

Eines Tages aber, als Jan in Großvaters Haus kam, war der Tisch in der Stube festlich gedeckt: Limonadengläser und eine Platte mit den Resten einer Sahnetorte standen darauf.

Der Großvater strahlte ihm entgegen: „Denk nur, Jan, Stefanie war da. Sie war endlich da und wir haben uns wieder versöhnt!“ – Aber Jan starrte nur auf den Tisch. Er konnte nichts sagen, er hatte ein Würgen im Hals. Als er wieder sprechen konnte, war er wütend und machte dem Großvater Vorwürfe:

Mit ihm habe er noch nie so ein Fest gemacht, aber mit Stefanie, die die Kette verloren hat! Und überhaupt sei das alles nicht gerecht!

„‘Ach Jan, gerecht!‘, sagte der Großvater und rieb sich die Nase. ‚Wenn es immer bloß gerecht zuginge auf der Welt, wären wir schlimm dran, das kannst du mir glauben. Wir leben alle davon, dass wir ein paar Menschen um uns haben, die nicht gar so gerecht mit uns sind. Die ab und zu unsere Fehler übersehen und uns unsere Dummheiten verzeihen. Vielleicht einfach, weil sie uns liebhaben.‘

‚Hast du Stefanie noch lieb?‘ fragte Jan.  ‚Ja‘, sagte der Großvater einfach. Er kam ganz nahe zu Jan und berührte ihn sanft am Arm. ‚Komm‘, bat er, ‚freu dich ein bisschen mit. Zwischen Stefanie und mir war etwas in Unordnung, und wir haben es wieder in Ordnung gebracht. Das muss man doch feiern. Und für dich ist ja auch noch etwas übrig. Keiner kommt zu kurz!‘

Er schob Jan an den Tisch, und Jan ließ es sich gefallen. Er saß lange schweigend über dem Rest der Sahnetorte. Als er fertig war, half er den Tisch abräumen und trug das Geschirr in die Küche. Und danach sagte er wie immer: ‚Machen wir ein Spielchen zusammen, Großvater?‘“

Die fünfte Bitte im Vaterunser lautet: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wie vergeben unseren Schuldigern.“ Das lässt sich auch so formulieren: Wir vergeben anderen, weil Gott uns vergibt, weil er uns annimmt so, wie wir sind. Seine Zuwendung lässt uns neu werden, ermutigt uns zum Christsein!

Enno Kückens