Ein Wort zum Sonntag

von Pastor Eckhard Gering

„Du bist ja so blind - woran siehst du das?“
Überlegungen zum 9. Kapitel des Johannes-Evangeliums und - zu uns!
 
Weil du denkst: Du durchblickst es, kapierst du nichts. Auf diesen provokanten Satz läuft gleich ein ganzes Kapitel des Johannes-Evangeliums zu. Im Mittelpunkt steht die Heilung eines blind geborenen Menschen. Aber eigentlicher Zielpunkt sind die sogenannten oder besser die sich selbst so verstehenden „Sehenden“.
 
Was ist ein „Sehender“? Das ist eigentlich etwas bitter Nötiges: Menschen, die den Durchblick haben. Das bräuchten wir. Schade nur, dass wir als „Sehende“ oft genug absolut blind sind.
 
Nach den Ausschreitungen vorwiegend junger Leute in Stuttgart, hat die Polizei erst mal nachgeforscht, wo die Eltern dieser Leute herkamen. Vielleicht hatten die ja Migrationshintergrund. Siehste - das haben wir uns doch gedacht!
 
So geht das auch im Johannes-Evangelium zu: Die Jünger haben die schlaue Frage: Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Eine widerliche Frage. Eine Frage der „Sehenden“. Wir sehen, dass er blind ist. Wir sehen, dass bei ihm was nicht stimmt. Wir sehen auch den Grund dafür: Da hat einer gesündigt. Die spannende Frage ist: Der oder seine Eltern?
 
Die Jünger, die das fragen und sich für sehend halten, sind so blind. Sie haben nur Augen für ihre Weltsicht: wer krank, behindert, eingeschränkt, fern der Norm ist - der hat Schuld. Was sie nicht sehen, ist der Mensch, der da bettelnd am Straßenrand sitzt, weil er sonst keine Chance hat, als Ausgestoßener zu überleben. Was sie nicht sehen, ist ihre eigene Kurzsichtigkeit gegenüber diesem Menschen, der doch ein Mensch ist wie sie, dem sie sein Menschenrecht und seine Würde verweigern. Ein Mensch - der nicht sehen kann und die anderen können das nicht mitansehen. Da muss doch einer schuld sein!
 
Jesus legt den Unsinn beiseite. Er redet von sich: Ich bin das Licht der Welt. Er macht einen Brei aus Spucke und Dreck, bestreicht die Augen des Menschen und sagt ihm, er solle sich im Teich Siloah waschen. Mit vollständiger Augenfunktion kommt er zurück.
 
Klar, wir sind nicht Jesus. Wir schmieren niemand Spucke und Dreck ins Gesicht. Und wenn wir es täten, würden wir keine Augenfehlfunktion damit beheben. Jeder, was er kann. Jede, was ihr möglich ist.
 
Es ging durch die Medien. Patrick Hutchinson, ein kräftiger, trainierter Mann, nahm an einer Antirassismus-Demo in London teil. Weiße Rechtsextreme stellten sich den Demonstrierenden in den Weg. Es kam zu Rangeleien, aufgeheizte Stimmung, Pöbeleien, Übergriffe. Einer der Weißen stürzte und fand sich plötzlich am Boden mitten unter den Demonstranten wieder. Er drohte niedergetrampelt zu werden. Patrick Hutchinson, selbst schwarz, sah die Gefahr, hob den Weißen auf seine Schultern und trug ihn zur Polizei und damit in Sicherheit.
 
"Sein Leben war in Gefahr. Also bin ich runter, hab ihn aufgehoben und bin mit ihm in Richtung der Polizei gelaufen.", erklärte er hinterher und fügte hinzu: Du denkst zu diesem Zeitpunkt nicht darüber nach. Du tust einfach das, was du tun musst." 
 
Einerseits fehlte Patrick Hutchinson hier völlig das Verständnis für die Dinge. Diese rechtsradikalen Pöbler waren dabei, seine friedliche Demonstration für die Gleichberechtigung aller Menschen kaputt zu machen. Solchen Leuten muss man Widerstand leisten und nicht Beistand. Was er sah, war ein Weißer, der ihm mit Hass begegnete und ihm sein Menschenrecht bestritt. Und wenn er ein wenig darüber nachgedacht hätte, dann wäre ihm doch wohl klar gewesen: Für den war er nicht verantwortlich. Wenn der in Schwierigkeiten war, war der selbst schuld. Das war nicht seine Sache, sich um den Sorgen zu machen. Es gab sehr viele gute Gründe, den da liegen zu lassen.
 
Aber Patrick Hutchinson hat nicht nachgedacht, wie er sagt, sondern gehandelt: „Du tust einfach das, was du tun musst.“
 
In der Folge der Augenheilung des vormals blinden Bettlers kommt es zu heftigen Diskussionen mit denen, die sich selbst für sehend halten. Es geht um unsere „Sehgewohnheiten“, um festgezurrte Meinungen, um Vorurteile, um Vereinfachungen, um unsere Sicht, die wir der Wirklichkeit überstülpen und behaupten, das sei die Wirklichkeit.
 
Weil ihr denkt: Wir durchblicken es, kapiert ihr nichts. So lautet die Kritik am Schluss des Evangeliumskapitels. Ihr erklärt das Leben dieses Menschen für kaputt, weil er nicht gucken konnte. Aber ihr macht euer eigenes Leben kaputt, weil ihr alles eurer Sicht der Dinge unterordnet, weil ihr nicht über den Tellerrand sehen wollt, weil ihr keine Einsicht zeigt, weil ihr eure Perspektive nicht ändern könnt.
 
Wie um Himmels willen, bekommen wir die Augen auf? Die Augen auf für uns selbst und unsere Rolle im Geschehen?
Wer sich selbst für sehend erklärt, der hat es offenbar richtig schwer, die anderen in den Blick zu nehmen und die eigene Beteiligung auch nur zu ahnen.
 
Wie kommen wir da raus? Einerseits müssen wir uns ein Gewissen bilden. Hilf einem, der in Not ist. Das hatte Patrick Hutchinson irgendwann mal gelernt, verstanden, eingesehen. Da musste er im entscheidenden Moment nicht mehr lange nachdenken, sondern konnte handeln.
Wir brauchen dieses Nachdenken. Was macht unser Leben kaputt und was tut ihm gut? Wie leben wir achtungsvoll miteinander und welche Gestalt muss unser Zusammenleben dann haben?
 
Aber wir müssen auch die Freiheit behalten. 
 
Die Freiheit - einfach zu handeln, sich die Finger schmutzig zu machen, ohne lange dieses   
  und jenes und jenes und dieses zu bedenken. 
 
Die Freiheit - sich selbst mit anderen Augen zu sehen, am besten mit den Augen von 
  Menschen, die unser Verstehen und unsere Hilfe gut gebrauchen könnten. 
 
Die Freiheit - mutig zu handeln, auch wenn nicht alles klar ist. 
 
Die Freiheit - damit leben zu können, dass wir auch etwas übersehen haben könnten und 
  noch mal neu hingucken müssen. 
 
Die Freiheit - unsere eigene Mitverantwortung nicht auf andere abzuwälzen. 
 
Die Freiheit - unsere Bilder von anderen niemals für eine abschließende Sicht zu halten.
 
Wie finden wir diese Freiheit? 
 
Das Johannes-Evangelium meint: Bei Jesus gibt es das. Wenn wir die Geschichten über ihn betrachten, seine Worte und Handlungen verfolgen - dann behindert das durchaus mal die Sicht, die so vertraute und festgelegte Sicht, die Blindheit der „Sehenden“ eben. 
 
Und wenn wir dann die Augen wieder aufmachen, können wir vielleicht was erkennen. Vielleicht!