Ein Wort zum Sonntag

von Pastor Georg Ziegler

Wege

Viele Menschen bleiben aus Vernunft oder gezwungenermaßen zu Hause. Gewohnte Wege fallen weg: Für viele der Weg zur Arbeit, der Weg zur Schule oder in die Kindertagesstätte, der Weg zur Sportgruppe oder zum Kaffeetrinken mit der Nachbarin.

Es bleiben die Wege zum Bäcker oder in den Supermarkt, der Weg zum Arzt, wenn es unbedingt sein muss. Sonst bleibt noch das Spazierengehen, aber auch das oft allein. In den letzten 14 Tagen habe ich viel mehr Menschen als sonst allein unterwegs gesehen. Interessanterweise wirken nur manche unzufrieden darüber, andere machen den Eindruck, ganz bei sich und dabei recht zufrieden zu sein.

Manchmal ist die äußere Situation ein Spiegelbild der inneren. So legen wir auch im übertragenen Sinn manche Wege allein zurück – manchmal schwere, mitunter auch sehr schöne -, andere Wege sind geprägt von Weggefährten, die untrennbar mit diesem Weg zusammengehören.

Am Palmsonntag gibt es viele Weggefährten für Jesus. Als Messias zieht er in Jerusalem ein. Viele Menschen begrüßen ihn als Sohn Davids, einer anderen Formulierung für den erwarteten Retter. Ob es Jesus gefallen hat, sagen uns die Evangelien gar nicht, aber ich nehme es an. Diesen Zuspruch wird er genossen haben, oder richtiger: sich gefreut haben, dass diese Menschen verstanden haben, wofür er steht. Und zugleich wird er geahnt haben, dass sein Weg anders weitergehen würde. Diese Weggefährten fehlen, als andere das Kreuzige ihn! rufen. Wir wissen es nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es dieselben Leute gewesen sein sollen.

Am stärksten wird es Jesus getroffen haben, dass seine engsten Weggefährten, die Jünger, ihn in der entscheidenden Stunde verlassen haben. Davon ist jedoch am Palmsonntag noch nichts zu sehen.

Momentan sehen längst nicht alle unserer Mitmenschen, wie es weitergehen wird, weder wirtschaftlich noch ganz persönlich. Die Coronakrise hat für eine ganze Reihe von Selbständigen und Freiberuflern, aber auch von Arbeitnehmern quasi über Nacht eine Bedrohung der Existenz herbeigeführt. Es passt erschreckend zu dem Umschwung, den Jesus von Palmsonntag bis Karfreitag erlebt hat. Sicher lässt sich beides nicht einfach gleichsetzen, aber die Erfahrungen ähneln sich schon in manchen Punkten: aus einer hoffnungsvollen Situation (vor Corona) entsteht in kurzer Zeit eine höchst bedrohliche Lage.

Wir wissen, dass der Weg Jesu, der an Palmsonntag hoffnungsvoll ausgesehen hat und an Karfreitag in einem scheinbaren Fiasko endete, eben dort nicht endete, sondern dass nach Karfreitag Ostern folgte. Wir dürfen die Parallelen nicht überstrapazieren, aber es zeigt uns deutlich: Gott hilft dem Leben zum Sieg. Gott steht denen bei, die es momentan schwer haben und ganz oft hat er für uns eine Perspektive parat, die über den ganz kritischen Punkt hinausführt zu neuer Zuversicht und neuem Glück.

So kann der Weg Jesu uns auf unseren aktuellen Wegen Mut machen, gegen den Augenschein zu vertrauen und dem Neuen und Lebendigen entgegenzugehen.

 

Georg Ziegler, Pastor