Ein Wort zum Sonntag

von Pastor Gert Glaser

Gedanken zum Predigttext des Sonntags Quasimodogeniti, Johannes 21,1-14

Obwohl Jesu Kreuzweg im Triumph endete, dauert der des Petrus an. Nach dessen erfolglosem nächtlichen Fischzug fordert ihn ein Unerkannter am Ufer auf, es noch einmal zu versuchen. Voller großer Fische droht das Netz zu reißen. Petrus wirft sich vor Scham in den See. Erst viel später, als er von Jesus beauftragt wird, die „Lämmer zu weiden“, beginnt die Tapferkeit des Petrus.

Ein Mann unserer Tage ist erst Anfang vierzig, als sein Kreuzweg beginnt. Erst stirbt sein Bruder, nur wenige Tage später stirbt seine Ehefrau. Beide sind eigentlich zu jung zum Sterben, wie man so sagt. Nur fünf Jahre dauerte die Ehe. Dann ist er alleine mit seinen Kindern. Ein schwerer Weg war das für Herbert Grönemeyer. Er ist ihn gegangen, musste ihn gehen. Vieles muss man, auch wenn man es nicht will. Am 12. April wird Herbert Grönemeyer 65 Jahre alt. Seit fünf Jahren ist er wieder verheiratet. Einer der berühmtesten und beliebtesten deutschen Sänger lebt wieder mit Hoffnung und Zuversicht.

Aber ich frage mich: Wie schafft man das? Wie geht man einen Kreuzweg? Das ist die Frage aller Fragen. Glück schaffen wir meist ganz gut. Manche klopfen sich selbst auf die Schulter und meinen, sie hätten ihr Glück selber gemacht. Irrtum: Glück wird uns gegeben. Wie Schmerz und Leid über uns kommen. Das Leben ist nicht fair, singt Grönemeyer in seinem Lied „Der Weg“. Aber wie lebt man mit der „Unfairness“ des Lebens?

Es gibt kein Rezept für Tapferkeit. Vielen hilft Reden, Erzählen. Bloß nicht stumm bleiben. Bloß nichts in sich hineinfressen. Reden und Weinen, das hilft ein wenig. Gott Vorwürfe machen hilft auch. Was will er von mir? Was hat Gott mit mir vor? Das alles muss raus und soll nicht in mir wühlen. Verdrängtes und Verschlucktes wird nur schlimmer. Um Hilfe bitten, wenn’s schwer wird, hilft mehr. Die Nachbarn fragen, die Freunde; Gott selbstverständlich. Die sollen sich kümmern. Sollen mir ein bisschen von ihrer Zeit und ihrer Geduld schenken.

Und immer wieder: Erzählen. Sich selber. Denen, die einem nahestehen - und Gott. Auch an Gräbern kann man reden. Verstorbene hören an dem Ort zu, an dem sie jetzt sind. Wer nicht verzweifeln will, darf nicht verstummen. Das braucht Tapferkeit. Ein schweres, aber auch ein schönes Wort: Tapferkeit. Es ist keine Antwort auf schwere Fragen. Aber eine Haltung. Ich will möglichst aufrecht bleiben, darf nicht nur weinen; ich will noch ein wenig für mein Leben und meine Lieben sorgen. Für heute, dann für morgen, ein Schritt nach dem anderen. Ich will auch die Hände falten, ganz fest. Jesus will das, dieses Tapfersein. Er beauftragt Petrus bald nach dem erfolglosen Fischzug: Kümmere dich um andere; weide meine Lämmer. Bleibt nicht im Dunklen, sondern seid tätig, auch wenn es im ersten Moment schwerfällt. Sorgt euch auch um andere, betet. Das macht Herbert Grönemeyer, der früh Witwer geworden ist. Danke, singt er, danke, dass es euch gab und gibt. Das macht auch Petrus, der die Glaubenden zusammenhält. Wir bleiben verbunden. Untereinander und mit Gott.

Gert Glaser, nach Michael Becker

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