Ein Wort zum Sonntag

von Pastorin Anke Diederichs

Gnade sei mit uns und Friede, von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde!

Es ist Totensonntag. Es ist Ewigkeitssonntag. Beides. 

Wir haben die Endgültigkeit des Todes vor Augen. Unser Leben ist begrenzt. Das ist so. Dafür steht der Totensonntag. Wir gedenken der Verstorbenen des vergangenen Kirchenjahres. Sie sind endgültig von uns gegangen.

Aber es ist auch Ewigkeitssonntag. Er steht dafür, dass zum Leben Vertrauen gehört. Wir brauchen Vertrauen, um miteinander zu leben und Gott schenkt uns das Vertrauen, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Gott hofft, dass wir auf ihn vertrauen.

 „Wie soll es bloß weitergehen?“ Das fragen wir Menschen uns an den Schnittstellen des Lebens: angesichts des Todes eines geliebten Menschen, angesichts einer plötzlichen schweren Krankheit, eines Unfalls oder einer Katastrophe. Das fragen wir uns, wenn das gewohnte Leben nicht mehr weitergehen kann. Es ist so schwer, das Gewohnte zu lassen, Abschied zu nehmen und sich auf die neue Lebenssituation ein zu lassen. Es ist so schwer, zu vertrauen, dass das Leben in neuen Bahnen weitergeht. Oft zu groß sind Skepsis und Zweifel. Tröstende und ermunternde Worte, Worte, die Vertrauen schaffen wollen erreichen mich nicht, können mir nicht zu Herzen gehen, weil das Herz fest ist. Es muss stark sein, um der Krise Stand zu halten. So ging es mir in der Zeit des endgültigen Abschieds von meinen Eltern. Ich hätte gerne geweint, aber dafür war keine Zeit und Gelegenheit. Stärke war gefragt.   

Und doch war mir in dieser Zeit eine Erinnerung gegenwärtig, für die ich sehr dankbar bin: Die Kinder waren klein und spielten. Ich konnte mit einer Nachbarin klönen. Da wurde unser Gespräch plötzlich unterbrochen durch ihre brüllende dreijährige Tochter, die mit blutüberströmten Knien und Ellenbogen an gehumpelt kam. Sie ließ sich nur schwer beruhigen und wurde erstmal verarztet. Am Ende nahm die Mutter sie auf den Schoß und stimmte das Kinderlied an: „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein, alles wird wieder gut sein.“ Dann wurde auf die verarzteten Wunden gepustet und damit die Angst, die Anspannung und der Schreck gewissermaßen fortgeblasen. Und ich erlebte ein kleines Wunder: Das Mädchen lachte wieder, sprang vom Schoß der Mutter und kehrte zum Spiel mit den anderen Kindern zurück.

Eine Begebenheit, die ich nicht vergessen habe. ´Das ist Trösten´, dachte ich. `So will Gott trösten´. Beim Propheten Jesaja können wir das lesen: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ (Jesaja 66,13). Diese Erinnerung ist für mich ein Geschenk. Sie zeigt mir, was Gottvertrauen bedeutet.

 „Die mit Tränen säen werden mit Freunden ernten“ beten wir mit Psalm 126,5. Der Psalmbeter vertraut darauf, dass Gott dies Versprechen einlöst.

Wie viele Tränen sind geflossen in diesem zurückliegenden Kirchenjahr, in der Trauer um geliebte Menschen, die von uns gegangen sind. Aber auch, weil es nicht gut lief, weil Beziehungen zerbrachen, weil Bilder und Berichte von Krieg und Terror uns anrührten.

Sind sie auch getrocknet worden? Ist die Sehnsucht nach Trost gestillt worden?

Trösten ist nicht einfach. Jeder trauernde Mensch braucht etwas anderes. Bei jedem läuft der Weg des Trauerns anders. Gut ist, in seiner Trauer gesehen und gehört zu werden. So wie die Tochter meiner ehemaligen Nachbarin.

Gott ist lebendig und wohnt dort, wo Menschen im Vertrauen auf ihn leben und das Leben aus seiner Hand nehmen – in Freud und Leid. Diesen Glauben teilt  der Seher Johannes mit den Gemeinden in Kleinasien, als er ihnen die Worte über das neue Jerusalem schreibt: Offenbarung, 21,1-4: „1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ 

Als Christen dürfen wir vertrauen: Unser Leben ist schon jetzt Teil der neuen Schöpfung Gottes. In ihr gibt es keine Grenzen, keinen Tod, keinen Schmerz, keine Tränen keine Trennung von Gott. Mit dieser Hoffnung legen wir das Gestern in Gottes Hand. Mit dieser Hoffnung gehen wir durch das Heute ins Morgen.

Amen

Anke Diederichs